Brives und Latour: Wissenschaft (2007)
Hier der volle Beleg: Brives, Charlotte und Latour, Bruno: Wissenschaft durch den Gefrierschrank betrachtet. In: Auf \ Zu. Der Schrank in den Wissenschaften. Hg. v. Anke te Heesen und Anette Michels. Berlin 2007. S. 74-79. Der Beitrag ist auch im Internet auffindbar: http://www.bruno-latour.fr/poparticles/poparticle/P-134-BRIVES.pdf (eingesehen am: 08.06.08).
Ein kurzer Text, den Heinz für einen Ausstellungskatalog übersetzt hat. Detaillierte Beschreibung eines Gefrierschranks in einem Forschungslabor. Brives und Latour zeigen auf verschiedene Aspekte dieses Gefrierschranks, z.B. Größe, Aussehen, Aufbau.
Anschließend geht es zum Inhalt des Schranks. Eine Tabelle, die neben dem Schrank befestigt ist, sagt, was wo zu finden ist. Die einzelnen Forschungsobjekte, die im Gefrierschrank lagern, sind unterschiedlich verpackt und etikettiert.
S. 77 Gefahr der Unordnung. Etiketten an den Versuchsobjekten gewinnen ihre Bedeutung nur, wenn sie mit der digitalen Datei verknüpft sind. Schwenk zum Röhrchen mit Hefe, das “außerhalb des Kühlschranks” eine “Rundfahrt” macht. Gefahr der Kontamination. Wichtige Erkenntnis: Andere Faktoren verursachen Risiko; durch sie kann also passieren, das etwas nicht so funktioniert, wie geplant. Auf diese Faktoren muss man in einem ANT-Bericht hinweisen. Zwar sind es Gefahren, die nicht unbedingt eintreten müssen, doch sie können Eintreten und damit beeinflussen sie schon die anderen Objekte.
Eigentliche Aufgabe des Gefrierschranks: Die Hefen identisch halten und vor dem Verderben schützen. Die Wissenschaftler müssen den Gefrierschrank ersetzen, in der kurzen Zeit, in der sich die Hefe in ihren Händen befindet.
S. 78 “Ohne Zweifel spielt der Kühlschrank in diesem Laboratorium eine zentrale Rolle. Jede Handlungsfolge endet in ihm, jede Handlungsfolge beginnt mit ihm.” [Kritik: Diese Formulierung widerspricht meiner Meinung nach des von Latour sptäer geprägten Bildes der zirkulierenden Entitäten (von Mittlern weg und zu Mittlern hin), wo Anfang und Ende nicht definierbar sind.] “Es ist daher nicht erstaunlich, dass man die gesamte Labororganisation ausgehend von diesem bescheiden wirkenden Apparat verstehen kann.”
Es folgt eine Beschreibung der Beschränkung und der Ausnahmen der Benutzung des Gefrierschranks. Doktorandin mit Privilegien. Zwei Handlungstypen: 1. Jeder ist befugt, aus dem Schrank Röhrchen zu entnehmen. 2. Neue Stämme hinzufügen darf aber nur der Teamchef.
Weiterer Aspekt: Die Nummern werden neuen Organismen in ansteigender Größe zugeordnet. Die Organisation des Gefrierschranks gibt also die Forschungsgeschichte des Labors wieder. 10 Jahre Arbeit des Labors sind in diesem Kühlschrank versammelt. [Eine interessante Erkenntnis, finde ich. Auf so etwas kann man nur stoßen, wenn man die Spuren, die das Soziale hinterlässt neu aufzeichnet]
“Während der Gefrierschrank von ihnen damit beauftragt wurde, über das zu wachen, was sie ihren “Schatz” nennen…” [gemeint sind die Menschen im Labor; Gut finde ich, dass die Autoren hier die Aussagen der Menschen einbauen.] Die Beziehungen zwischen Menschen und Kühlschrank lassen sich nicht verstehen, ohne sich auf den Inhalt des Gefrierschrankes zu berufen.